Was kann ein Buch?

Lesen bildet. Klar. Lesen ist im günstigsten Falle unterhaltsam. Immer öfter hört man, dass Lesen sogar heilsam sein soll. In welchem Maße all das zutrifft, hängt in erster Linie von den persönlichen Vorlieben des Lesers und den schriftstellerischen Qualitäten des jeweiligen Autors ab. Ich jedenfalls habe diese Woche viel gelesen, die Erkältung schwand davon leider keinen Tag eher als sonst auch.

Buchtipps

Was kann ein Buch? Um es mit Rüdiger Safranski, einem renommierten Schriftsteller und Literaturwissenschaftler unserer Zeit zu sagen:
Während man ein gutes Buch liest, kann man keinen anderen Unsinn anstellen. (1)
Immerhin. Zumindest wäre das ein Grund, weshalb ich meinem jüngsten Helden wieder öfter ein Buch auf den Bauch binden sollte!

Während ich ein Buch lese, klinke ich mich aus dem Weltgeschehen aus, schlüpfe in die Welt meiner eigenen Bilder im Kopf. Ein wohliges Gefühl stellt sich ein, wenn ich mich mit einer guten Geschichte zurückziehe auf die Couch. Studien haben gezeigt, dass Lesen die Fähigkeit stärkt, gedanklich in andere Rollen zu schlüpfen und bei der Sache zu bleiben.
Kanadische Psychologen der University of Toronto konnten bereits 2006 belegen, dass Romanleser empathischer sind als Menschen, die wenig oder gar keine Belletristik lesen. (2)

Lesezeit

Ich habe heute oft den Eindruck, dass immer weniger Menschen regelmäßig Bücher lesen. Aber dem ist nicht so. Die Zahlen der Branche sind eindeutig. Jährlich kommen ca. 90.000 Neuerscheinungen auf den Buchmarkt. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. sind die Umsätze der Buchbranche in den let zten zehn Jahren stabil geblieben und liegen bei etwa 9 Mrd. Euro.

Wir lesen anders

Es wird also heute insgesamt kaum weniger gelesen. Dazu kommen die vielen inzwischen nahezu unüberschaubaren Möglichkeiten, Informationen in Textform zu konsumieren: eine Flut von Zeitschriften, online-Magazinen, Blogs, und vieles mehr. Allerdings hat sich meines Erachtens das WIE gewandelt.: Wir lesen unaufmerksamer, oberflächlicher. Texte werden nur noch überflogen und häppchenweise konsumiert. Nicht zuletzt, weil unter dieser Flut von Möglichkeiten unsere Aufmerksamkeitsspanne, völlig eingeschüchtert, immer geringer wird. Selbst wenn ich gleich kräftig an dem Ast säge, auf dem ich selber sitze, plädiere ich hier ganz klar dafür:

Leute, lest mehr Bücher!

Lasst das Fast Food stehen und genießt die Fünf-Gänge-Menüs und Candle Light Dinners der Literatur. Ich bekenne, ich lese viele Blogs und Zeitschriften, habe Tageszeitungen im Abonnement und schmökere gern in online-Magazinen. Aber nichts davon kann mir das Wohlgefühl ersetzen, welches sich in mir ausbreitet beim Lesen eines Romans.

Ich liebe den Geruch eines nagelneuen Buches. Buchdeckel aufklappen, frisch bedrucktes Papier riechen und den ersten Satz lesen. Von dem hängt übrigens sehr oft ab, ob ich ein Buch kaufe oder nicht. In der Buchhandlung lese ich IMMER den ersten Satz. Dann ist es entschieden.

Warum schöne Sprache glücklich macht

Ich bin immer wieder voller Hochachtung vor Autoren, die mit scheinbar wenig „Handlung“ eine Spannung allein über Sprache aufbauen. Ich liebe kunstvoll-schlicht gebaute Sätze, die aus präziser Beobachtung des Lebens resultieren, die mich in ihrer Klarheit verblüffen. Sätze die uns Bestätigung sind oder Widerspruch, zu dem, was wir selbst denken, empfinden oder erkannt zu haben glaubten. Sätze, die Trost spenden oder Entlastung sein können in den Wirren des Lebens. Sätze, die uns herzlich lachen lassen oder still weinen, weil wir mitempfinden, was da geschieht. Die ganze Welt zwischen zwei Buchdeckeln.
Das bildet. Das macht Spaß. Das heilt.

Herbstdeko

Bücher für den Herbst

Und wie versprochen, möchte ich dir heute meine ganz persönliche Longlist für den Schmökerherbst vorstellen. Fünf Bücher. Fünfmal Daumen hoch. Bist du bereit? Los gehts!

Leonie Faber: Die Zeitenbummlerin
„Wie einfach es sich anhört: Jeden Moment leben. Niemals ausweichen, weder dem Schrecklichen noch dem Schönen. Und akzeptieren, dass es vorübergeht.“ Leonie Faber
Das ist vielleicht die Quintessenz dieses Buches, das mir den Sommer in diesem Jahr – passend zum Wetter – verlängerte. Der wunderbar leicht daherkommende Roman über Josephine, eine 52jährige Journalistin, die sich mit dem Citybike aufmacht von Berlin an die Ostsee, um Menschen zu interviewen, die erfolgreich aus der Hektik des Alltags ausgestiegen sind. Genussradeln nennt sie das. „Doch was, wenn er sich nicht einstellt, der erwartete, bestellte Genuss? Vielleicht liegt es daran, dass man sich selbst immer mitnimmt.“
Am Ende dauert die Reise länger als gedacht. Und während Josephine sich immer weiter von zu Hause entfernt, während sie Stück für Stück loslässt, auch sich selbst und sich einlässt auf andere, kommt sie sich selbst wieder näher. Ein intelligentes Buch, das dem Zeitgeist auf den Zahn fühlt.

Lauren Groff: Licht und Zorn
Welches Barack Obama zu seinem Lieblingsbuch im letzten Jahr erklärt hat – ich gebe zu, darauf war ich gespannt. Aber noch neugieriger hat mich der Klappentext gemacht: Die Geschichte einer Ehe, jung und spontan geschlossen. In guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod sie scheidet. Und weil zu einer Ehe mindestens zwei gehören, wird diese Geschichte zweimal erzählt. Zuerst aus seiner, dann aus ihrer Perspektive.

Lauren Groff Der exzentrische Lotto: charmant, erfolgreich und von Haus aus mit Wohlstand gesegnet. Erfolg und Wohlstand kommen ihm jedoch abhanden. Nach dem College geht es bergab mit dem gefeierten Jungschauspieler und seine Mutter dreht ihm den Geldhahn zu. Scheinbar zufällig macht er später Karriere als Dramatiker. Da ist er längst verheiratet mit Mathilde. Die traf er – der Zufall wollte es, oder etwa nicht? – auf der Premierenfeier, als Lotto in seiner letzte Rolle als Hamlet vom Publikum gefeiert wurde. Ihre Schönheit verschlägt ihm den Atem. Sie ist seine Muse, seine Rettung, seine große Liebe. Fortan keine anderen Frauen mehr, nur noch Mathilde. Sein Begehren ist grenzenlos.

Im zweiten Teil nimmt der Roman rasant Fahrt auf. Die schöne Mathilde. Feenhaftes Wesen, klug, umsichtig, fürsorglich. Ihr Lächeln überstrahlt alles und jeden. Keiner, auch Lotto nicht, ahnt, dass Mathilde hinter diesem Lächeln einen Kampf ausficht. Mutig, trotzig und erschreckend entschlossen. Und am Ende weiß man: Nichts ist so, wie es scheint.
Was ich an diesem Roman am meisten mochte? Nichts ist vorhersehbar! Ein Lesegenuss allererster Güte.

Alain de Botton: Der Lauf der Liebe
Auch hier geht es um die Geschichte einer Ehe. Alain de Botton lässt uns teilhaben an der Beziehung von Rabih und Kirsten. Nichts Dramatisches. Ein Mann und eine Frau, die sich verlieben, zusammenziehen, Kinder bekommen, sich streiten, Seitensprünge wagen, sich versöhnen. Alltag eben. Alain de Botton
Was so unspektakulär daherkommt ist jedoch weit entfernt von Langeweile.
Erstens: Das Buch ist unkonventionell aufgebaut. Indem de Botton die Handlung immer wieder unterbricht, gleichsam einem Film, dessen bewegte Bilder einfrieren, bleibt Raum für philosophisch-psychologische Kommentare. So gelingt der Blick hinter die Fassade der beiden Hauptfiguren.
Zweitens: De Botton romantisiert nicht. Im Gegenteil. Er räumt gnadenlos auf mit jedweder romantischen Vorstellung von der Liebe:

Die Chancen, dass ein perfekter Mensch bei dem gefährlichen Spießrutenlaufen auftaucht, sind gleich null. (…) Auf welche Weise jemand einen zum Wahnsinn treibt, ist nicht unmittelbar klar (es kann sogar ein paar Jahre dauern), aber von der Tatsache, dass dies auf diese oder jene Art geschieht, sollte man von Anfang an ausgehen.
Sich für die Ehe mit einem bestimmten Menschen zu entscheiden, ist eher eine Frage, welche Art Leiden wir aushalten wollen, statt zu erwarten, mit dieser Wahl die Gesetzmäßigkeiten der emotionalen Existenz zu umgehen.“ (3)

Anfangs dachte ich: Was für ein schwarzer Humor. Dann stellte ich fest: Er meint es ernst. Das tut weh und man möchte weinen und trauern um die verlorene Illusion. Doch gerade darin liegen Charme und Stärke dieses Buches. Der Ansatz: Nicht der Augenblick des Verliebens ist das, was ein Leben lang trägt. Nun gut, das ist jetzt nicht direkt neu. De Botton entwickelt jedoch in feinsinniger, humorvoller Art (ich habe viel geschmunzelt beim Lesen) ein Gespür beim Leser für die Befindlichkeiten der beiden Protagonisten und weist dem Leser so einen möglichen Weg durch das Chaos des (Ehe)lebens. Dabei klagt er nicht an, ergreift nicht Partei und schulmeistert nicht. Er wirbt für Verständnis.

Schmetterlinge im Bauch sind schön, aber sie fliegen eines Tages davon. Was dann? Wenn wir es schaffen, auch dann einander noch zuzumuten und auszuhalten, sind wir wirklich „reif für die Ehe“. Das ist die Wahrheit.

Franziska Stalmann: Helenas Männer
Helena, Mitte 40, geschieden und alleinerziehend mit fast erwachsenem Sohn und einem Zahnarzt als Liebhaber, arbeitet in einem Buchladen. Als es ihrem Vater schlecht geht, zieht sie zu ihm in das Haus ihrer Kindheit. FrauenromanSie kümmert sich um ihren Vater, ihren Sohn,  nimmt  Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihres Geliebten und hat für jeden Verständnis. Langsam dämmert es ihr, dass irgendwas gewaltig schief läuft in ihrem Leben. Sie zieht die Reißleine und vorübergehend aus, überlässt „ihre Männer“ sich selbst. Die kommen erstaunlich gut damit klar und Helena nimmt das Angebot ihres Ex, eines Werbefilmers, an, ein paar Tage ans Meer zu fahren. Er muss arbeiten, sie kann ausspannen. Dort entfacht die alte Liebe neu und Helena beginnt eine Affäre mit dem abgelegten Ehemann.

Hm, ich gebe zu, der Plot liest sich etwas ausgelutscht. Ist er aber nicht. Die Story lebt von gut gezeichneten sympathischen Figuren, das Familienleben schürft angenehm nah an der Realität und selbst die wieder entfachte Glut zwischen der Protagonistin und ihrem Ex hätte sich durchaus so zutragen können. Mir gefällt, dass es keine schwarz-weiß gestrickten Figuren sind, die da agieren. Da ahnt man, dass die Autorin, die auch als Psychotherapeutin gearbeitet hat, Menschen als vielschichtige Wesen wahrnimmt. Ein Buch für ein Herbstwochenende auf der Couch.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis
Mein Top-Favorit. Und seit neuestem Preisträger des Deutschen Buchpreises 2016. Lange überfällig. Auch dieser Autor hat mich vor zwei Jahren mit einem Ehe-Roman geködert (Gibt es dieses Genre eigentlich? Ja, ich bin da auch etwas ratlos, wieso mir immer diese Art Bücher in die Hände fallen. Hat jemand eine Erklärung?). Als 2012 sein 672 Seiten dicker Roman „Die Liebe in groben Zügen“ erschien, hatte ich den lange auf meiner „Muss-ich-mal-lesen-Liste“. Ich wartete auf den Moment, in dem ich Aussicht auf ein Zeitfenster für 672 Seiten hatte und las los. Seitdem bin ich ein ganz großer Fan von Kirchhoff. Nun also sein neuestes Werk: eine Novelle.

Das zentrale Element dieses Genres ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe, 1827). Ins Neudeutsche lässt sich diese Begebenheit ganz gut mit „Skandal“ oder einem „außergewöhnlichen Ereignis“ übersetzen. Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle. (4)

Normale Alltagssituationen gibt es in dieser Novelle tatsächlich kaum. Reither, ein ehemaliger Verleger hat seinen Kleinverlag verkauft, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Er hat sich zurückgezogen in eine Wohnanlage in einem beschaulichen Alpental. Eines Abends hört er Schritte vor seiner Tür. Als er sich endlich entschließt, die Tür zu öffnen, findet er eine Dame vor, Leonie Palm, etwas jünger als er selbst, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt und lebt nun ebenfalls in der Alpenresidenz. Schnell ist Reither klar: wenn Leonie Palm seine Bodo KirchhoffWohnung betritt, betritt sie sein Leben und wird so schnell nicht wieder daraus verschwinden. Noch in der selben frostklirrenden Nacht brechen sie gemeinsam auf in ihrem ebenfalls nicht mehr ganz jungen BMW-Cabrio. Es beginnt ein Roadmovie über die Alpen bis nach Sizilien. Dort schließt sich dem Paar ein Flüchtlings-Mädchen an, das nicht spricht.  Das Flüchtlingsthema taucht schlaglichtartig bereits vorher immer wieder auf in der Handlung. Kirchhoff führt es noch fort, indem er einen Nigerianer helfen lässt, als Reither sich schwer verletzt.

Die Verflechtung von Flüchtlingsthematik und Liebesgeschichte scheint nur auf den ersten Blick etwas konstruiert und hier bediene ich mich des Begleittextes eines großen Online-Buchhändlers, weil ich es selbst nicht hätte besser formulieren können:

Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.« (5)

Das eigentlich außergewöhnliche Ereignis ist und bleibt für mich jedoch die Wucht der Sprache in Kirchhoffs Büchern. Die liest sich für mich so, wie es sich anfühlt, nach einer langen Wanderung frierend, mit schmerzenden Gliedern und wundgelaufenen Füßen in eine Badewanne steigen zu dürfen: wärmend, tröstend und unendlich genussvoll:

„Das alte Wort, das zum Einschlafen reicht, wenn es leise aus dem Dunkeln kommt, Gute Nacht, war das letzte Wort vor den Stunden, über die es keine Auskünfte gibt.“
(Bodo Kirchhoff,Widerfahrnis, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016)

Quellen:

(1) http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Lesen-ist-besser-als-Ritalin/story/12559273
(2) http://www.spektrum.de/alias/neurowissenschaft/lesen-bildet-das-gehirn/1044326
(3) Alain de Botton, Der Lauf der Liebe, S. FISCHER; Auflage: 2 (25. August 2016)
(4)
http://wortwuchs.net/novelle-merkmale/
(5) https://www.amazon.de/Widerfahrnis-Bodo-Kirchhoff/dp/3627002288

4 Kommentare

  1. Liebe Bettina!
    Vielen Dank für die schönen Buchtips. Klingen allesamt sehr interessant.
    Liebe Grüße Monika

    • Bettina

      Danke,liebe Monika. Es hat mir Freude gemacht euch diese feinen Leseschmankerln ans Herz zu legen.
      Schönen Abend und schau mal wieder vorbei, wenn du Lust hast. Bettina

  2. Liebe Bettina,
    vielen Dank für diese schönen Empfehlungen ! Die Bücher sprechen mich allesamt sehr an und da ich jetzt zum Herbst auch endlich mal wieder mehr Zeit zum lesen finde werde ich sicher das eine oder andere davon lesen.

    Du hast das so interessant zusammengefasst, dass ich Lust bekomme, sofort loszulegen :-). Aber erst möchte ich noch meinen neuesten Kluftinger lesen.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Birgit

    • Bettina

      Liebe Birgit,
      das freut mich und das war ja auch das Ziel: ein bisschen Lust aufs Lesen machen. Den Kluftinger finde ich ja auch köstlich. Habe zwar nur den allerersten gelesen, aber hab den kauzigen Typen mit der Basstuba auf dem Rücksitz noch immer im Gedächtnis. :-)))

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